Warum der BMI bei der Adipositas-Diagnose oft in die Irre führt
Laut einem Bericht von Health and Me argumentiert der AIIMS-Direktor, dass der BMI als alleiniges Diagnosewerkzeug für Adipositas unzureichend ist.
Meret Sandmann, Integrativer Gesundheitscoach und Sportphysiologin·aktualisiert 07. September 2026

Ein BMI-Wert über 30 — und die Diagnose steht: adipös. So einfach soll es sein. Doch der Direktor des All India Institute of Medical Sciences (AIIMS) widerspricht dieser Praxis: Adipositas dürfe nicht allein über den Body-Mass-Index definiert werden, sondern müsse Fettverteilung und metabolischen Gesamtzustand des Körpers berücksichtigen. Das ist keine akademische Spitzfindigkeit, sondern betrifft jeden, der seine Gesundheit nach einer Zahl auf der Waage beurteilt — und dabei Entscheidendes übersieht.
Wenn eine Zahl zu wenig sagt
Stattdessen sollen Fettverteilung und Stoffwechselgesundheit in die Bewertung einfließen. Die Logik dahinter ist nachvollziehbar: Der BMI erfasst lediglich das Verhältnis von Gewicht zu Körpergröße. Ob das Gewicht überwiegend aus Fett- oder Muskelmasse besteht und wo genau das Fett sitzt, bleibt unberücksichtigt. Zwei Menschen mit identischem BMI können grundverschiedene Gesundheitsprofile mitbringen — und entsprechend unterschiedliche Risikoprofite tragen.
Für uns in der Praxis keine neue Erkenntnis, aber eine wichtige Bestätigung: Wer seinen Stoffwechselzustand ernst nimmt, kommt an einer differenzierten Betrachtung nicht vorbei.
Stoffwechselgesundheit wirkt weiter, als man denkt
Wie tiefgreifend Stoffwechselstörungen in den Körper eingreifen, zeigt eine aktuelle Übersichtsstudie, die Forschende der University of Victoria ausgewertet haben. Sie durchsuchten drei medizinische Datenbanken nach Studien zu Frauen, bei denen Typ-2-Diabetes noch vor der Menopause diagnostiziert wurde, und verglichen die Ergebnisse mit Frauen ohne Diabetes.
Das Ergebnis verdient Aufmerksamkeit: Von sieben Studien zur natürlichen Menopause fanden sechs einen Zusammenhang zwischen Typ-2-Diabetes vor den Wechseljahren und einem früheren Eintritt der Menopause. Besonders ausgeprägt war dieser Zusammenhang bei jüngeren Diagnosen — insbesondere um oder vor dem 40. Lebensjahr. Zwei Studien dokumentierten zudem eine geringere Anzahl kleiner Eibläschen und niedrigere Spiegel des Anti-Müller-Hormons (AMH), einem Marker für die Eizellreserve. Mehrere Studien wiesen auf erhöhte Unfruchtbarkeitsraten und niedrigere Schwangerschaftschancen bei Frauen mit Typ-2-Diabetes hin.
Wichtiger Einschränkung: Die meisten untersuchten Studien waren Querschnittsstudien — Daten wurden zu einem einzigen Zeitpunkt erhoben. Eine Ursache-Wirkungs-Beziehung lässt sich daraus nicht ableiten. Faktoren wie Übergewicht, Insulinresistenz und PCOS können sich mit Typ-2-Diabetes überlappen und eigenständig die reproduktive Gesundheit beeinflussen. Die Forscher betonen, dass es sich um einen Zusammenhang handelt, der weiterer Untersuchung bedarf, nicht um einen bewiesenen kausalen Mechanismus.
Grundlagen, die funktionieren
Die Übersichtsstudie benennt konkrete Maßnahmen, die nachweislich die Blutzuckerregulation unterstützen — und die sich dauerhaft in den Alltag integrieren lassen:
- Bewegung nach den Mahlzeiten: Schon ein zehnminütiger Spaziergang nach dem Essen hilft den Muskeln, Glukose effektiver aufzunehmen.
- Krafttraining: Progressiver Widerstand verbessert die Insulinsensitivität und erhält die Muskelmasse — beides Grundpfeiler eines funktionierenden Stoffwechsels.
- Ausgewogene Mahlzeiten: Kohlenhydrate mit Protein, Ballaststoffen und gesunden Fetten zu kombinieren, sorgt für stabilere Blutzuckerwerte und längere Sättigung.
Der BMI bleibt ein nützlicher Richtwert, aber kein Urteil. Wer seine Gesundheit nachhaltig verbessern will, muss über die Waage hinausblicken — auf Fettverteilung, Insulinsensitivität und die Routinen, die den Unterschied machen. Nicht elegant, aber wirksam. So funktioniert echte Veränderung.
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