KI-Modell sagt Erfolg von Adipositas-Therapien präzise voraus
Genau hier setzt eine neue Studie der Universität Hohenheim an: Forschende des Instituts für Ernährungsmedizin haben ein KI-Modell entwickelt, das bereits vor Therapiebeginn vorhersagen kann, wie…
Meret Sandmann, Integrativer Gesundheitscoach und Sportphysiologin·aktualisiert 03. September 2026

Wer ein Jahr lang diszipliniert Kalorien trackt, Sporttermine wahrt und am Ende trotzdem kaum etwas verliert, hat ein Problem, das kein Coaching der Welt mit Willenskraft löst. Genau hier setzt eine neue Studie der Universität Hohenheim an: Forschende des Instituts für Ernährungsmedizin haben ein KI-Modell entwickelt, das bereits vor Therapiebeginn vorhersagen kann, wie stark jemand auf ein Lebensstilprogramm ansprechen wird. Die Veröffentlichung im Journal Microbiome liefert damit erstmals eine datenbasierte Grundlage, um Adipositas-Therapien wirklich individuell zuzuschneiden statt nach dem Gießkannenprinzip.
Was das Modell konkret leistet
Der Algorithmus wurde mit Daten von 50 Erwachsenen mit fortgeschrittener Adipositas trainiert, meist Grad III, also einem BMI-Bereich, in dem Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder Schlafapnoe nicht mehr hypothetisch, sondern statistisch erwartbar sind. Das Programm selbst existiert an der Universität Hohenheim bereits seit rund 20 Jahren: ein einjähriges Konzept aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie, das in der Regel zu einer Gewichtsreduktion von etwa 20 bis 30 Prozent des Ausgangsgewichts führt. Was bisher aber niemand zuverlässig vorhersagen konnte: Wer profitiert stark, wer kaum. Genau diese Lücke schließt das neue Modell.
Konkret flossen Hunderte Messwerte ein: Körpergewicht, klassische Blutwerte, Körperzusammensetzung, das Darm-Mikrobiom und das Blutmetabolom mit knapp 200 erfassten Stoffwechselprodukten. Die Kombination aus klinischen Daten und Mikrobiom schnitt am besten ab. Mit einem AUC-Wert von 0,898 trennt das Modell sogenannte Major von Minor Respondern mit hoher Trennschärfe. Für alle, die mit Statistik nicht täglich zu tun haben: Der Wert liegt nahe an 1, also an einer nahezu perfekten Vorhersage.
Warum das für Coaching und Ernährungsberatung relevant ist
Wer als Patient oder Klient ein intensives Programm beginnt, investiert Zeit, Geld und vor allem psychische Energie. Bleibt der Erfolg aus, sinkt die Bereitschaft, es erneut zu versuchen. Dr. Benjamin Seethaler, Erstautor der Studie, formuliert das Potenzial entsprechend vorsichtig, aber klar: Auf Basis der Vorhersage ließen sich künftig passendere Therapieformen empfehlen, statt jeden in dasselbe Programm zu schicken.
Für die praktische Arbeit bedeutet das konkret: Eine Mikrobiom- und Stoffwechselanalyse vor Programmstart könnte in wenigen Jahren zum Standardrepertoire gehören, ähnlich wie heute ein großes Blutbild vor Medikamentengabe. Wer heute schon mit Klienten arbeitet, sollte verstehen, dass „Non-Response" keine Charakterschwäche ist, sondern ein biologisches Phänomen, das zunehmend messbar wird.
Was bleibt zu beobachten
Die Studie ist solide, aber mit 50 Teilnehmenden überschaubar. Bis das Modell in Kliniken oder Praxen ankommt, sind größere Validierungsstudien nötig, idealerweise mit heterogeneren Gruppen und längerer Nachverfolgung. Spannend wird, ob sich auf Basis dieser Daten auch Therapien für die identifizierten Non-Responder entwickeln lassen, etwa angepasste Bewegungsprotokolle, andere Mikronährstoff-Supplementationen oder gezielte Mikrobiom-Interventionen. Bis dahin gilt: Keine neue Methode rechtfertigt den Verzicht auf das, was nachweislich wirkt: ein strukturiertes Programm aus Ernährungsanpassung, Kraft- und Ausdauertraining sowie Verhaltensarbeit. Die Frage ist nicht, ob jemand abnimmt, sondern unter welchen Bedingungen.

