Warum Perfektion beim Training ab 40 oft der größte Fortschrittskiller ist
Eine 48-jährige Trainerin hat ihren Wochenplan offengelegt – und was sie schildert, kommt dem, was ich in jedem zweiten Coaching-Gespräch predige, ziemlich nah.
Meret Sandmann, Integrativer Gesundheitscoach und Sportphysiologin·aktualisiert 17. September 2026

Antonietta Vicario, ehemalige Tänzerin und heute Chief Training Officer der Fitnessmarke Pvolve, plant fünf Einheiten pro Woche und schafft real nur 60 bis 70 Prozent davon. Ihr Ansatz für Frauen in den Wechseljahren: Muskulatur aufbauen, mobil bleiben – und aufhören, sich für verpasste Tage zu geißeln.
Fünf planen, drei wirklich machen
Vicarios Sweet Spot liegt zwischen 8 und 9 Uhr morgens, direkt nach dem Schulweg. Wer den Slot verpasst, kennt das Dilemma: Der Bewegungsdrust sinkt über den Tag, abends wird die Couch attraktiver als jede Hantel. Ihr pragmatischer Ausweg: An überlaufenen Tagen 15 bis 20 Minuten, irgendetwas – Hauptsache nicht null. Sie empfiehlt sogar, mit dreimal 15 Minuten pro Woche zu starten. Erst wenn die Routine sitzt, werden die Einheiten länger, der Endorphin-Kick zieht einen dann von selbst rein.
Ich übersetze das für meine Klienten gern so: Drei wirklich durchgezogene Einheiten schlagen fünf geplante, von denen zwei in der Schublade sterben. Wer seine Compliance an einem Idealplan misst, der das eigene Leben ignoriert, hat am Sonntagabend null Trainingseinheiten und dafür eine ordentliche Portion Selbsthass. Das ist Stoffwechselpsychologie – und der häufigste Grund, warum ambitionierte Pläne nach sechs Wochen einschlafen.
Kraft ohne Verfallsdatum
Vicario formuliert einen Satz, den ich mir rahmen lassen würde: Ohne Mobilität und Stabilität hat Kraft ein Verfallsdatum. Reine Hypertrophie ohne Bewegungsradius und ohne neuromuskuläre Kontrolle liefert Ihnen ab 50 einen Körper, der im Spiegel stark aussieht, aber beim Treppensteigen knirscht. Muskel ist das Organ der Langlebigkeit – aber nur, wenn Sie ihn auch durchs Leben tragen können. Mobilität schafft Zugang zum vollen Bewegungsumfang, Stabilität liefert die Kontrolle darin. Beides ist keine Bonusübung für sportliche Tage, sondern Grundvoraussetzung für alles andere.
Worauf Sie bei jeder Routine achten sollten
Vicario gibt selbst den Qualitätscheck mit: Prüfen Sie, ob Trainer oder Programm akkreditiert sind. Pvolve lässt die eigene Methode klinisch validieren – in einer Branche voller Instagram-Workouts keine Selbstverständlichkeit. Mein eigener Drei-Punkte-Filter für Klienten, die mit einem neuen Plan ankommen:
- Gibt es eine nachvollziehbare Progression – oder wird jede Woche neu drauflosgewirbelt?
- Werden Mobilität und Stabilität adressiert – oder dominieren nur Beugen, Drücken, Ziehen?
- Macht es Ihnen Spaß?
Ein Plan, den Sie hassen, überlebt keine acht Wochen. Einer, der zu Ihrem Leben passt, hält ein Leben lang. Vicario bringt es auf eine Formel, die ich unterschreibe: Perfektion ist der Feind von Erfolg. Eine schlechte Woche wirft Sie nicht zurück – Ihr Perfektionsanspruch schon.